Una historia del Flamenco
Eine Flamencogeschichte von José Manuel Gamboa (53BL)
Preis: 32,00 Euro
Buch
Una historia del Flamenco Eine Flamencogeschichte von José Manuel Gamboa (53BL)
Kurzbeschreibung:
Pflichtlektüre für jeden, der tiefer ins Thema Flamenco einsteigen will
und den frischen Wind in der Flamencología schätzt. Gamboa ist
überzeugt: Die wahre goldene Epoche des Flamenco erleben wir heute. Die
Bibliographie enthält alle wichtigen Titel, ein ausführliches
Namensverzeichnis, Bildseiten... Gute Spanischkenntnisse sind
allerdings Voraussetzung.
Weitere Infos:
584 Seiten, 15x22 cm, Abbildungen, kartoniert, Madrid: Espasa-Calpe 2005
Rezension:
Schon wieder eine Geschichte des Flamenco? Ja – und zwar eine, die
nicht nur kurzweilig zu lesen ist, sondern schon fast Pflichtlektüre
für jeden, der etwas tiefer ins Thema einsteigen will. Wer die alten
Mythen liebgewonnen hat, der wird nicht auf seine Kosten kommen – wer
den frischen Wind in der Flamencología schätzt, der gewiß. Gamboa will
die Geschichte zeigen wie sie war, den Flamenco als eine Kunst
präsentieren, die "im Mischen und Vermengen geboren wurde" und
"untrennbar mit ihrem sozialen Kontext verwoben ist". Dabei liefert er
an Daten und Fakten erschöpfend mit, was knapp 200 Jahren
Flamencogeschichte ausmacht.
Es ist ja – seit (vor allem) Gerhard Steingress mit seiner Sociología
del cante flamenco die im 19. Jahrhundert beginnende heterogene
"Realgeschichte" gegen die Mythologie zum Vorschein brachte – in der
Flamencología (die an der Historie vom uralten, authentischen Flamenco
der Gitanos kräftig mitstrickte) nicht mehr ungewöhnlich zu zeigen,
dass Flamenco – als Musik und als Lebensweise – mehr gewinnt denn
verliert, sobald er seiner "traditionalen Authentizität" entkleidet
wird. Aber die originelle und amüsante Art, in der dem Flamenco hier
neue Kleider verpaßt werden, hebt sein Buch doch ein ganzes Stück über
ähnliche Geschichten.
Gamboa ist überzeugt: Die wahre goldene Epoche des Flamenco erleben wir
heute. Nie waren Cante, Baile und Toque besser. Überdies "nehmen die
Frauen endlich den Platz ein, den sie verdienen". Konsequent stellt er
daher von der ersten Seite an den Flamenco vom Kopf auf die Füße. Seine
Geschichte beginnt im Jahr 1975 – mit dem letzten Seufzer des
Generalísimo und Paco de Lucías Entre dos aguas – und endet mit der
Protohistoria, der "Vorgeschichte", die in Silverio Franconetti, dem
ersten großen Bühnenstar des Cante, ihren Kristallisationspunkt fand.
Die "Generation Camarón" (und ihre Erben) dürfen also endlich der
(vorläufige) Höhepunkt in einer Geschichte sein, die sich allzu oft ins
Schema des Verfalls gepreßt fand. Was aber bei Gamboa keineswegs
impliziert, nun den "Duende von gestern" zu degradieren. Das verbietet
ihm allein der immer wieder bekundete Respekt gegenüber den Artistas.
"Flamenco ist", sagt er in einem Interview, "keine Musik des Volkes,
sie ist eine der Künstler, und (auf) die muß man hören. Man kann
(gemeint: als Flamencologe) nicht mehr wissen als der Mann, der auf die
Bühne geht und singt." Es ist also nicht einfach Bemühen um
Vollständigkeit, wenn sich alle Protagonisten ausführlich wiederfinden.
Gamboa sind vielmehr die alten Gut-Böse-Schemen zuwider. "Pepe Marchena
und Juanito Valderrama durften für ihre Kunst die gleiche Legitimität
beanspruchen wie Antonio Mairena und Juan Talega. Jeder, der sich in
der Geschichte einer so schwierigen Kunst verewigt, ist außergewöhnlich
in seinen Fähigkeiten."
Hier kommt wohl auch die eigene Biographie durch. Gamboa war als
professioneller Gitarrist tätig; später produzierte er Aufnahmen z.B.
von Enrique Morente. So besteht wenig Gefahr, intellektualistischen
Authentizitätsthesen zu erliegen, die ja nie viel Rücksicht nahmen auf
das Können der Künstler. Und im übrigen kennt man Gamboa seit längerem
als undogmatischen Flamencologen. Seit er 1994 mit Pedro Calvo die
erste systematische Darstellung des "Neuen Flamenco" vorlegte
(Historia-guía del nuevo flamenco), weiß man nicht nur um seine
profunde Sachkenntnis, sondern auch um die ihm eigene
entspannt-ironische Distanz gegenüber der altehrwürdigen Riege der
Konservierer (von Demófilo bis Ricardo Molina und Antonio Mairena).
Also: Große Sympathie für den Duende de ahora (Duende von heute) ohne
Antipathien gegen Künstler und Flamencologen anderer Epochen – darin
hat Gamboas Flamencología ihre Essenz.
So kann die Geschichte von Paco de Lucía bis Patiño zum einen – in
umgekehrter Reihenfolge – eine bewährte Periodisierung beibehalten
(Vorgeschichte bis ca. 1860; erste Blüte im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts; Flamenco-Oper und die sog. "Dekadenz"; Renaissance ab
Mitte des 20. Jahrhunderts; Moderne). Kapitel von ca. 100 Seiten zeigen
die fünf Zeiträume in ihrer je eigenen sozialen und musikalischen
Kontur. Und zum anderen wird trotz dieser Reverenz an Überzeugungen der
Flamencología so mancher Mythos zerstört – "Manuel Torre, heute das
Paradebeispiel eines traditionalen Cantaors, war zu seiner Zeit der
modernste." Letztlich kann man sich dann der Einsicht nicht mehr
entziehen, dass mehr oder minder unintendiertes Mischen und Vermengen
(mestizaje) "die Essenz des Flamenco seit seiner Geburt bestimmt. Er
ist eine Musik, die aus den ärmsten Schichten Andalusiens hervorging,
und in ihm haben Araber, Juden, Gitanos, Payos, Christen und Schwarze
ihre Spuren hinterlassen. ... Die ´Fusion´ geschah dabei fast immer
zufällig."
Neben der eher untergeordneten Programmatik wird aber vor allem eine
Fülle von Information ausgebreitet. Im ersten Kapitel (natürlich) zu
Paco de Lucía, Camarón und Enrique Morente, aber auch zum Verlag
Editorial Demófilo und Paco Lira von La Carbonería in Sevilla. Das
zweite – Restauration – dreht sich um die Flamencología und den
Mairenismo, wird mit Pilar López und Antonio eingeleitet, spricht von
den ersten Anthologien (Hispavox), dem Concurso in Córdoba, Fosforito
und der Cátedra de Flamencología in Jerez. Im nächsten Kapitel – Opern,
Kriege und Nachkriegszeiten – präsentiert Gamboa zuerst La Argentina,
Vicente Escudero, La Argentinita und Carmen Amaya, dann den
berühmtesten aller Concursos de Cante jondo (Granada 1922), weiter die
Flamenco-Oper, Pepe Pinto und Juanito Valderrama, die kurze zweite
Republik und die anschließenden Kriegs- wie Nachkriegszeiten.
Flamenco a la "parisién" (Kapitel 4) stellt die Cafés-cantante vor –
und mit ihnen mythische Persönlichkeiten des Flamenco: Silverio
Franconetti, Antonio Chacón, Manuel Torre, La Macarrona und La Malena,
Maestro Patiño, Javier Molina und Ramón Montoya, Pastora und Tomás
Pavón. Dabei vergisst Gamboa weder die Cantes de las minas (Produkt
jener Epoche) noch die für die Verbreitung des Flamenco oft
unterschätzte Einführung der Schallplatte. Die abschließende
Protohistoria erzählt von den Bailes de candil, von Romantik und
Andalucismo, von Cádiz, Sevilla und Triana, und vom goldenen
Flamencozeitalter unserer Urgroßeltern: den 60-er Jahren des 19.
Jahrhunderts mit den Seguiriyas des Silverio.
Was ist noch zu sagen? ... Gamboas Stil ist zweifellos am heutigen
Schreiben über "Popular Music" geschult, spart nicht an ironischen
Seitenhieben auf allzu ernste Flamencologen, was aber nirgendwo
Selbstzweck wird. Erfreulich ist immer wieder, dass scheinbar
Nebensächliches nicht unterschlagen ist. Man denke etwa an die
Revolution, die die neuen Nylonsaiten für die Gitarristen bedeuteten.
Die einzelnen Palos sind dort erläutert, wo sie am ehesten hingehören:
Serranas und Liviana bei Silverio, die Caña bei Triana, Guajiras und
Milonga bei Juanito Valderrama, die Tonás bei Antonio Mairena.
Die Bibliographie enthält alle wichtigen Titel und ist ansonsten
erfreulich unaufgebläht. Ein ausführliches Namensverzeichnis
erleichtert ein Querlesen. Was die eingehefteten Bildseiten angeht, so
wird der Kenner kaum Neues finden. Es dürfte jedoch der Verlag gewesen
sein, der auf die Illustrationen drängte. Wenn das Buch eine
Schattenseite hat, dann bestenfalls für nicht-spanischsprachige Leser.
Übersetzungen sind so schnell nicht zu erwarten, da die vor einigen
Problemen stehen. Wie überträgt man "Enrique-cimiento" (Enrique
Morentes Beitrag zum "Nuevo flamenco")? Wer Gamboas Geschichte(n) zum
Flamenco intensiv genießen will, der kommt also um einige sprachliche
Mühen nicht herum. ...
Wolfgang Fritscher
Autorenportrait:
Der Autor José Manuel Gamboa (1959), ausgezeichnet mit dem "Premio
Nacional de la Cátedra de Flamencología de la Universidad de Jerez de
la Frontera", gilt das "das wandelnde Flamencolexikon" und ist selber
Gitarrist. Als Sachverständiger für Flamenco ist er Jurymitglied,
SGAE-Experte, Moderator, Produzent und Autor. José Manuel
Gamboa gilt das "das
wandelnde Flamencolexikon" und ist selber Gitarrist.