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Tsiganes

Von Otto Daettwyler und Matéo Maximoff

Aus dem Antiquariat: Seltener Bildband von Otto Daettwyler und Mateo Maximoff. Büchergilde Gutenberg, Zürich, 1959. 135 Seiten mit atemberaubenden s/w-Fotos aus dem Leben der Gitanes in Südfrankreich und Spanien - wie aus einer anderen Welt. Ein sehr seltenes Buch, das verzaubert.

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Der Bildband „Tsiganes“ von Otto Daettwyler und Matéo Maximoff erschien1959. Im Laufe von fast 50 Jahren haben die großartigen Fotos nicht an Ausdruck verloren: „Solche Bilder lassen sich nie im reporterhaften Schnappschuss gewinnen; sie tragen das Kennzeichen enger Vertrautheit mit dem Thema und eine tiefe Anteilnahme am Schicksal der Zigeuner in Europa“, heißt es treffend im Vorwort.

In Zeiten, in denen Firmen, die seit Jahrzehnten traditionelle Fotomaterialien herstellen, Insolvenz anmelden, ist ein Blick zurück erlaubt. Damals konnte sich noch kein Mensch vorstellen, dass der Prozess, um ein Foto herzustellen, anders laufen könnte, als: Fotografieren, Entwickeln, Vergrößern. Der Fotograf sah erst am Ende der Filmentwicklung, ob ein Foto rein technisch gelungen war. Er sah erst das entscheidende Bild-Ergebnis nach der Vergrößerung. Heute genügt, nach dem Betätigen des Auslösers, ein Blick auf die Rückseite der digitalen Kamera, um die schnelle Entscheidung zu fällen, ob der Vorgang wiederholt werden sollte, weil das erwartete Ergebnis noch nicht zufriedenstellend ist. Die Entwicklung hin zur digitalen Fotografie ist nicht mehr zu stoppen. Das kann man bedauern. Jedoch ist bereits jetzt die Suche nach den entscheidenden Qualitätsunterschieden eng gekoppelt mit der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, insofern man das nötige Kleingeld für genug Megapixel aufbringen kann. Ob nun digital oder analog: Letztendlich entscheidet das Auge des Fotografen, welches Foto er der Öffentlichkeit zugänglich macht. Das war bereits zu Beginn der Fotografie so und gerade darin wird auch für alle Zeiten die Kunst der Fotografie bestehen: im Sehen nach dem Blick.
Der Fotograf Otto Daettwyler präsentiert im Bildband „Tsiganes“ Fotos von überwältigender Ausdrucksstärke, er vermittelt eindringlich die Macht des Augenblicks des wandernden Volkes auf endloser Straße und lässt dem Betrachter trotzdem Raum für Interpretationsmöglichkeiten: eine junge Zigeunerin brät in einer antiquierten Pfanne Sardinen, ihre Gedanken sind an einem anderen Ort; ein junger Mann sitzt auf einem zerschlissenen Sofa und spielt auf einer heruntergekommenen Gitarre, die nur noch zwei Saiten besitzt, eine Seguiriya.
Daettwylers Fotos wirken im Zusammenhang betrachtet, Seite für Seite rasch durchgeblättert, wie eine starke, durch nichts zu schwächende Gemeinschaft: es sind einfach wunderbare Fotos, technisch brilliant, mit einem leichten Weitwinkelobjektiv aufgenommen, hervorragend belichtet, professionell vergrößert. Der tägliche Kampf ums Überleben hebt sich durch die lebensfrohen Momente auf. Aber die meisten Fotos für sich betrachtet, wirken verletzlich, sehr privat und unendlich traurig. Dieser Effekt stellt sich jedoch erst bei mehrmaligem Hinsehen ein, zu sehr ist das Auge an die tägliche, auf den schnellen Schnitt getrimmte Bilderflut gewöhnt: Da lächelt z.B. ein kleines Mädchen in die Kamera, lebensfroh und zuversichtlich. Bei näherem Hinsehen wirkt sie wie abgestellt in einem leeren, dunkelgrauen Raum, in dem sie sich an ihr verrostetes Kinderbettchen schmiegt. Da flechtet z.B. eine Großmutter, sitzend auf staubigem Boden, in Lumpen gehüllt, ihrer Enkelin die Zöpfe. Für sich genommen, eine Aufnahmen, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Der Blick aber gleitet weiter in den Hintergrund und bleibt an ärmlichen Behausungen hängen, vor denen ein kleiner abgemagerter Hund nach Fressbarem sucht, während sich weit in der Ferne, im Dunst kaum zu erkennen, der riesige Kühlturm eines Kraftwerkkomplexes hervorhebt. Krasser können Gegensätze nicht fotografiert werden.
Der Fotograf wusste genau, was er tat. Daettwyler hat wochenlang in den verschiedenen „Zigeuner-Sippen“ gelebt. Er ging in ihren Lagern ein und aus. Er zog mit ihnen in Spanien über die endlosen Landstraßen. Nach mehreren Jahren des Sammelns und der Auswahl der geeignetsten Fotos, die seinem Blick auf die Dinge entsprechen, machte er diesen Bildband. Auf seiner Reise begegnete der Fotograf dem Schreiber, dem ersten Zigeunerschriftsteller Matéo Maximoff. Der war zu erst skeptisch, sah sich dann die Fotos genau an, war letztendlich beeindruckt und erklärte sich bereit, wie es im Vorwort von „Tsiganes“ heißt: „eine kurze Geschichte seines Volkes beizusteuern“. In den Texten beschreibt Maximoff die Herkunft der Zigeuner (er nennt es politisch unkorrekt: „Von der Herkunft meiner Rasse“, wobei der Begriff „Zigeuner“ ja schon unkorrekt ist), schreibt in weiteren Kapiteln über „Das Leben der Nomaden in Europa“, „Sprache, Musik, Tanz“, „Vom Leben und vom Sterben“ und „Die Zukunft meines Volkes“. Wenn man einmal davon absieht, dass gewisse Betrachtungsweisen, Ausdrucksformen und Einstellungen heutzutage antiquiert anmuten, sind die Texte interessant und lehrreich. Sie geben einen Eindruck über das Leben des wandernden Volkes auf endloser Straße wieder und das schließlich aus erster Hand. So sind seine Betrachtungen zur Musik der Zigeuner mehr als Gold wehrt. Maximoff schreibt: „Ein Gesetz – es ist eines der ältesten – verbietet der Zigeunerfrau, ihre Beine, ja sogar ihre Knöchel zu zeigen. Deshalb muss der Zuschauer das Stampfen der Füße mehr erraten, als dass er es sieht, ausgenommen wenn das Mädchen sich wirbelnd im Kreise dreht und sein weites, buntfarbiges Kleid eine Glocke bildet. Dann merkt man, dass die Tänzerin lange Strümpfe trägt, um die Nacktheit ihrer Beine zu verbergen.“
„Tsiganes“ ist ein Bildband, der auch fast 50 Jahre nach seinem Entstehen, oder gerade deswegen, berührt, angreift, entführt und gleichzeitig unendlich traurig macht. Er konfrontiert den Betrachter mit allgegenwärtigen Tatsachen, die da wären: Leiden und Leben gehören untrennbar zusammen. Erst wer das Leid erfährt, und dadurch eine oder die Existenzmöglichkeit gefunden hat, kann es auf den traumwandlerischen und positiven Nenner eines Matéo Maximoff bringen: „Wir Zigeuner sind die letzten Zeugen einer freien, fahrenden Menschheit. Wir sind die Blüten am Baume der Menschheit. Wir sind ihr Fest.“
Ralf Bieniek, Aus: ANDA 63


Autorenportrait:

Otto Daettwyler ist ein Fotograf, dem es gelungen ist, sehr nah mit den französischen und spanischen Zigeuner zu leben. Dadurch entstanden Fotos von einer eindringlichen Intensität.
Matéo Maximoff gilt als der erste schriftstellernde Zigeuner der Gegenwart.

Zusatzinformation

Genre Bildband, Geschichte
Artikelnummer BAQ001
Ausführung gebunden
Umfang 136 S.
Erscheinungsjahr 1959
Verlag Büchergilde Gutenberg
Auflage verschiedene
Sprache(n) deutsch
Größe 22 x 28,5 cm
Verschiedenes Zustand: verschieden (Pappe oder Leinen, mit und ohne Schutzumschlag). Vor der Bestellung ist eine persönliche Kontaktaufnahme empfohlen, am besten per Telefon nötig. Je nach Ausstattung und Erhaltung kosten die Bücher zwischen 40 und 70 Euro.
 

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